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Ich könnte mir vorstellen, dich meine Freundin zu nennen

Wie das mit der polyamoren Beziehung seinen Anfang nahm.

Zum ersten Mal begegnet bin ich Patrick im Gymer. Besser kennengelernt habe ich ihn, als ich bei ihm in die WG gezogen bin. Damals im Sommer 2012. Frisch getrennt von meinem Freund und überzeugt, dass ich mein Leben als Singlefrau verbringen würde. Die WG lag geografisch gesehen eigentlich an einem so gar nicht nützlichen Ort für mich. Der Weg zu meiner Arbeitsstelle wurde durch den Umzug nämlich noch länger.


Immerhin der ÖV-Anschluss war ein Plus und natürlich Patrick, dessen langen, wilden Locken ich rasch sehr nahe kam. Einige Wochen nach meinem Einzug war eigentlich gar nicht mehr so klar, was wir denn nun sind und obwohl wir Händchen haltend bei Freunden zum Nachtessen erschienen, stritten wir immer ab, dass man das zwischen uns «Beziehung» nennen könnte.


Für das, was sich zwischen uns so leicht und einfach anfühlte, brauchten wir kein Label.

Auch so konnten wir ganze Abende mit Kissenschlachten, Kitzel-Jagden durch die Wohnung, Kuscheln auf dem Sofa oder gegenseitigem Vorlesen füllen. Das reichte uns so lange, bis die Kissen langsam aber sicher ihre flauschigen, weissen Zottel verloren und die Nachbar*innen bei unserem Herumgepoltere in der ringhörigen Wohnung schon die Augen verdrehten.


Manchmal tut mein Poly doof


Patrick pflegte zu sagen, er könne sich nicht vorstellen, je eine Freundin zu haben. Für mich war es genug, die kostbaren Momente mit ihm zu teilen. Ich wollte von ihm nichts Verpflichtendes. Dafür ist mir meine Freiheit und Selbstbestimmung viel zu wichtig und wenn ich ganz ehrlich bin, mochte ich es auch, Intimität und Nähe sowohl mit Patrick wie auch mit meinem Ex zu geniessen. (Klammerbemerkung: Yes, mein Ex und ich hatten damals immer noch Sex. Yes, Patrick wusste davon. Wieso auch nicht? Schliesslich war dies einer der schönsten Aspekte unserer für beendet erklärten Beziehung.)


Später liess Patrick dann verlauten, er könne sich nun vorstellen, mit einer Frau aus den USA oder Schweden in einer Beziehung zu sein. Einfach sicher nicht mit einer Schweizerin. Als ich das hörte, schoss mir der Gedanke durch den Kopf, dass ich vielleicht eine Chance hätte, wenn mein Englisch oder Schwedisch noch etwas besser wären. Über viele Jahre hinweg kommunizierten Patrick und ich nämlich fast ausschliesslich auf Englisch miteinander und während man ihn jeweils für einen waschechten Amerikaner hielt, hiess es bei mir immer: «Your accent is so cute!».

Diesen Gedanken schob ich jedoch – nachdem der Anflug von romantischer Vorstellung verschwunden war – ganz schnell wieder weg, da ich mir längerfristig nicht ausmalen konnte, mein Leben «nur» mit einer Person zu verbringen. Alles blieb also so unbeschwert und unbekümmert wie es immer war.


Als ich dann eines Abends von ihm hörte: «Ich könnte mir ‘im Fau’ jetzt vorstellen, dich meine Freundin zu nennen», muss ich ihn relativ entgeistert angeschaut haben. Jedenfalls nahm ich die Nachricht sachlich entgegen und erwiderte etwas verwirrt, ich müsse mal kurz eine Runde Spazieren gehen. Für mich alleine und mir diese Aussage dabei durch den Kopf gehen lassen. Die darauffolgenden Tage waren eine Tortur.


Ich wollte unbedingt offiziell die Freundin von Patrick sein, seine Partnerin in Crime, diejenige, welche ihn in- und auswendig kennt und auch an seiner Seite steht, wenn ihm das Leben Zitronen vor die Füsse wirft.

Gleichzeitig wollte ich nicht Ja sagen zu einer exklusiven, monogamen Beziehung.


Diese Vorstellung nahm mir die Luft. Die Vorstellung er könnte sich nur so eine Beziehung zu mir vorstellen noch mehr. Schliesslich nahm ich nach dem Motto «Augen zu und durch» all meinen Mut zusammen und offenbarte ihm, dass ich sehr gerne seine Freundin sein möchte, wenn dabei Raum für weitere Menschen bleibt. Endlich war es raus. Ich getraute mich fast nicht, ihn anzuschauen. Einen Moment lang war es totenstill und ich ready, meine Koffer zu packen. Dann machte sich ein breites Grinsen auf Patricks Gesicht breit, er zuckte gelassen mit den Schultern und dann hörte ich ihn die wunderbaren Worte aussprechen, welche den Anfang unserer so bereichernden Poly-Beziehung markieren: «Wenn das die einzige Bedingung ist, die ich eingehen muss, um mit dir in einer Beziehung zu sein, dann will ich sehr gerne mit dir zusammen sein.»

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